WM Zeit – Weltmeisterschaft oder Wahnsinnige Massen

Es geht wieder los, der kollektive Aussetzer des Alltags der sich alle 4 Jahre, oder wenn man die Europameisterschaft mitrechnet alle 2 Jahre wiederholt, Fahnen hängen aus Fenstern und von Balkonen, als Wimpel an Autos, Kleidungsstücke die entweder die Nationalfarben enthalten oder den Trikots der Nationalmannschaft nachempfunden sind, werden in der Freizeit getragen.
Auf einmal bekennt sich allenthalben irgendwer offen zur Nation, sei es am Auto, am heimischen Fenster oder Balkon, oder an der Kleidung, man wird dieser Tage kaum eine Gruppe finden, die ist sie groß genug, nicht einen dabei hat, der diesem kollektiven Phänomen verfällt.
Besonders deutlich wird es an Tagen wo das eigene Nationalteam spielt, wärend der Spiele empfiehlt es sich für jeden Wirt, der seinen Laden voll haben will, zu dekorieren und einen Fernseher aufzustellen, je grösser desdo besser, Schild vor die Tür, bei gutem Wetter am besten wenn räumlich möglich „Public Viewing im Biergarten“ und die Umsätze sind garantiert.

Der Witz dabei, ein Teil der hunderte, ja tausende die das ganze auf die Strasse lockt, haben seit Jahren kein Fußball gespielt oder noch nie, viele können nichtmal Abseits erklären, aber wenn die deutsche Mannschaft spielt, spätestens in der k.O. Phase….werden sie all jubeln, Autocorsos in den Großstädten nach den Siegen inklusive.

Worum geht es bei diesem kollektiven Phänomen, wenn Fußball doch den meisten, die meiste Zeit über egal ist? warum sind gerade wir deutschen was die WM betrifft so fast fanatisch? so wie wir jubeln, brauchen wir uns hinter den Spaniern, Italienern und Brasillianern sicher nicht zu verstecken, was ist es das uns beim Jubeln Weltklasse macht?

Ich denke mal, es sind mehrere Punkte. Sicher hat Fußball in der deutschen Nachkriegskultur eine gewisse hervorgehobene Bedeutung, es ist der medial am meisten verbreitete Sport, so wie bei den US Amerikanern das hierzulande kaum bekannte Baseball, da schütteln wir deutschen den Kopf, wie man sich daran begeistern kann …. und die US Amerikaner…die meisten von ihnen schütteln über Soccer, wie es dort heisst den Kopf, so hat jeder seine Favoriten und unserer ist eben Fußball.
Das reicht aber noch nicht, der kollektive Ausnahmezustand ergreift ja weite Teile der Bevolkerung, denen Fußball normalerweise völlig am allerwertesten vorbeigeht, wenn WM ist, stehen sie mitten drin in der Fanmeile, jubeln mit, fluchen mit, tragen Trikots, oder zumindest eine weisses T-Shirt, wenn schon kein Nationaltrikot.

Ich denke, ein 2. Element liegt darin, dass wir deutschen in der Nachkriegstradition ein Problem damit haben, offen zur Nation zu stehen ohne gleich in die braune Ecke gestellt zu werden. Sobald wir aber die weissen Trikots unserer Fußballnationalmannschaft tragen, ist klar, dass es um Sport und nicht um Politik geht. Einmal alle 2 Jahre ist uns erlaubt, was allen anderen selbstverständlich ist, dem natürlichen Bedürfniß, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen relativ ungehemmt und unpolitisch nachzugeben.
Bei der Heim WM 2006 standen die Leute im Stadion bei der deutschen Hymne auf und sangen sie mit….der TV Reporter erwähnte, dass das niemanden stört und dass das gut so sei, Recht hat er, aber wieso war das eine Erwähnung wert? Seit 2006 singen wohl die Fans auch bei Auswärtsspielen der deutschen Nationalmannschaft die Hymne mit….vorher angeblich nur vereinzelt, und niemanden störts und niemand spricht drüber, warum auch, die anderen machen es ja auch, es ist normal.

Ist es das was aus der Fußball WM einen Wahnsinn der Massen macht? Das entfesselt ist, was im Alltag immernoch tabu ist? Geht es also bei der WM den deutschen weniger darum, den Pokal in Berlin beim DFB auszustellen als um die Freiheit, sein zu dürfen was man ist, ohne politische Diskussion darüber? Genau wie jeder andere Franzose, Britte, US Amerikaner oder Russe… ebenfalls?

Ich denke ob nun bewusst oder unbewusst, ist es genau das. Diese Kraft, diesen kollektiven Befreiungsschlag schaffen wir nur über das Medium Fußball, weil es einerseits uns liegt, unsere Hauptsportart ist, andererseits sicherlich auch weil wir im Fußball gezeigt haben, daß wir wer sind, als jeder andere meinte, das es ohne uns wohl besser geht, damals bei der WM in der Schweiz, als es letzendlich hies: „Tor, TOR, TOOOOR!!!“ das sogenannte „Wunder“ von Bern, als der Aussenseiter Europas, das besiegte Deutschland wieder bei der WM teilnehmen durfte, sicherlich eine politische Geste bei der keiner damit rechnete, das wir, das Deutschland, direkt vom Start weg den Pokal holt, Weltmeister wird. Und doch geschah es.
2006 ein Meer aus Flaggen, eine Woge aus nationalem Stolz, nicht nur an der WM teilzunehmen, sondern sie auchnoch auszurichten…..und keiner auf der Welt störte sich daran.
Weil es gleichzeitig ein Beweis der Gastfreundschaft und Toleranz war, der Beweis eines neuen, nicht aggresiven, sportlichen nationalen Bewusstseins ohne aggressiven „schädlichen“ Nationalismus…..gibt es in anderen Sprachen diese Unterscheidung überhaupt? oder blickt man dort einfach unbefangen zur Flagge, wenn sie bei einer angemessenen Gelegenheit gehisst wird, völlig ohne sich solche Gedanken zu machen?

Sehr gerne würde ich eure Meinungen und Erlebnisse im Verlauf der WM sammeln, gerne könnt ihr auch zu diesem Artikel verlinken, wie bei einer Blogparade, oder die Kommentarfunktion nutzen, ich hoffe auf viele unterschiedliche Meinungen und Erlebnissberichte zum Thema WM, sportlich, gesellig, politsich, über kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung der WM, was immer euch einfällt, sehts als Aktion an, Aktionszeitraum bin ich mal frech und sage: So lange Deutschland im Turnier ist.
Schwarze Hosen weisse Shirts, Schwarz Rot Gold am Auto, um den Hals, als Haarbänder oder Cappy…..alles ist erlaubt, nur nix braunes ;-).

Mögen die Spiele beginnen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “WM Zeit – Weltmeisterschaft oder Wahnsinnige Massen

  1. Aracuron,
    Du sprichst hier eine Problematik an, die sicher weit über den Zusammenhang mit dem Fußball hinaus geht.
    „Nationalstolz“ ist hier das Stichwort von zentraler Bedeutung. Bei der WM 2006, die auch ich als „Sommermärchen“ empfunden habe, war ich im Zusammenhang mit der WM durchaus stolz, ein Deutscher zu sein. Hätte ich das aber damals öffentlich gesagt, dann wäre ich sofort von vielen ins braune „Abseits“ gestellt worden.
    Aber wer mich kennt, weiß so gut wie ich selbst, dass ich dort am wenigsten hin gehöre. Wer mich nicht kennt, wird mir wahrscheinlich spätestens dann zustimmen, wenn ich sage, dass mein Großvater 1942 von der Gestapo ermordet wurde, weil er im Widerstand war, mein Vater im Februar ’45 im Alter von 8 1/2 Jahren aus Oberschlesien fliehen musste, und ich noch nie etwas für Leute übrig hatte, die nur zwei Meinungen kennen: die eigene und die angeblich falsche.

    Ich war damals im besten Sinne stolz darauf, ein Deutscher zu sein, also Bürger eines Landes zu sein, in dessen Verfassung es fest verankert ist, dass solche Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Briefgeheimnis, Asylrecht u.a. als Menschenrechte anerkannt sind und somit jedem Menschen zu garantieren sind.
    Gleichzeitig war ich aber sicher nicht stolz darauf, in welch unmenschlicher und verachtenswerter Form Deutschland als Nation 1933 bis ’45 gegen diese Menschenrechte verstoßen hatte.

    Ich möchte behaupten, ohne mich dabei selbst loben zu wollen, dass ich sehr wohl in der Lage bin, diese Unterscheidung zu treffen. Aber leider muss ich auch feststellen, dass weite Teile der Bevölkerung auch jetzt, 69 Jahre nach dem Ende dieses schrecklichen Krieges, immer noch nicht in der Lage zu sein scheinen, das Trauma dieses Krieges zu überwinden, auch wenn sie zu jung sind, um ihn miterlebt zu haben. Und weil sie daran scheitern, setzen sie Nationalstolz fälschlicherweise gleich mit nationalsozialistischer Gesinnung.

    „Worum geht es bei diesem kollektiven Phänomen, wenn Fußball doch den meisten, die meiste Zeit über egal ist?“ hast Du gefragt.
    Ich denke, dass ein Teil der Antwort darin liegt, dass wir mit dem Fußball, der ja nun wirklich eine völlig unpolitische Betätigung darstellt, wenigstens für gewisse Zeit das Trauma, von dem ich eben sprach, zwar nicht überwinden, doch wenigstens in den Hintergrund drängen können. Damit schaffen wir Deutschen es, uns wenigstens für die Dauer eines Spieles einfach nur mit etwas zu befassen, was Spaß macht, ohne uns wegen der Zeit des Nationalsozialismus gleichzeitig zu schämen oder schuldig zu fühlen.

    Du hast auch die WM ’54 erwähnt, das „Wunder von Bern“. Auch in diesem Zusammenhang stimme ich Dir zu. Dieses Gefühl von „Wir sind wieder wer!“ hat aber meiner Meinung nach nicht lange genug angehalten und war nicht intensiv genug, um das eben erwähnte Trauma des 2. Weltkrieges zu überwinden.
    Und ich befürchte, dass auch das „Sommermärchen“ von 2006 zwar ein Schritt in die richtige Richtung war, aber lange nicht weit genug ging.
    Man kann nur hoffen, dass die jetzige WM ein weiterer Schritt in die richtige Richtung wird, und dass dieser Effekt, der sich aus einem gesunden Nationalstolz ergibt, noch lange anhält!
    Aber sehr viel Hoffnung habe ich da leider nicht.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s