Krieger

Was ist ein Krieger? Die Frage diskutiere ich seit einiger Zeit immer mal wieder mit einer guten Freundin und Bloggerin Migdalit, die ihrerseits schon einige Länder der Welt bereist hat, mehrere Hochschulabschlüsse besitzt und davon ab neuen Ideen auf allen Gebieten offener Gegenüber steht als die meisten.

Migdalit beschäftigt sich seit Jahren mit Schwertkampf, moderne Waffen sind ihr suspekt, ihre Zeit in Israel verlief ohne Zwischenfälle, allerdings zurück in Europa, hörte sie eines Tages einen Knall von dem sie später erfuhr, dass es eine Bombe war.

Ich dagegen war beim Militär, habe keine Ahnung von Schwertern, dafür bin ich aber an allen Waffen von der Pistole bis zur Panzerfaust ausgebildet, habe im Wachdienst mehrere Situationen gehabt, in denen ich den Finger schon am Abzug hatte, aber auch Glück gehabt, nie wirklich abdrücken zu müssen, lediglich einmal habe ich einen betrunkenen der nach meiner Waffe gegriffen hatte zu Boden gestoßen, aber zählt das?

Wer von uns beiden ist ein Krieger, oder überhaupt einer von uns beiden? Was heißt Krieger? Ist der Soldat der aus dem Afghanistan Einsatz zurückkommt ein Krieger? oder der Polizist, der regelmäßig bei Demonstrationen eingesetzt wird? Oder nur jener, der von der Schusswaffe Gebrauch gemacht hat? Was ist mit dem Soldat der in Afghanistan war, aber selbst nie schießen musste?

Oder ist ein Krieger vielleicht ganz etwas anderes, jemand der sein Leben nach einem Kodex ausrichtet, seine Pflicht tut und bei Gefahr nicht wegschaut, sondern handelt? Wäre ein Feuerwehrmann dann auch ein Krieger?

Wie kommt es, das gerade die Kriegerkasten von der Antike bis heute große Philosophen und Staatsmänner hervorgebracht haben und wie ist das mit dem in unserer aufgeklärten Zeit immer wieder erwähnten PTS Syndrom, dem Posttraumatischen Stresssyndrom?

Wieso hört man immer wieder das gerade die Soldaten der USA, die seit dem 2. Weltkrieg immer wieder in Kriege ziehen, schwere Probleme damit haben? Das aber zum Beispiel in Deutschland kaum eine Diskussion dazu existiert? Obwohl die Bundeswehr mittlerweile auch viele im Einsatz erfahrene Soldaten hat? Liegt es an der besseren Schulbildung, der Tatsache, das viele schon eine Lehre gemacht haben, oder diese innerhalb ihrer Dienstzeit bei der Bundeswehr machen?

Warum hat aber Israel kein in der öffentlichen Berichterstattung auffindbares Problem damit, obwohl die jungen Männer und Frauen dort auch halbe Kinder sind, die mitten in ihrer Jugend plötzlich Soldaten werden, bevor sie sich als erwachsene Mitbürger ein ziviles Leben aufbauen konnten?
Gibt es sowas wie eine Kriegerkultur? Etwas in der Individuellen Bildung oder der kulturellen Grundhaltung, oder beidem, das einen Menschen in die Lage versetzt, sei er Soldat, Feuerwehrmann, Rettungssanitäter, Polizist oder Katastrophenhelfer, sehenden Auges mitten ins grösste Chaos zu marschieren, zu tun was nötig ist und danach zur Tagesordnung seines zivilen Lebens zurückzukehren?

Menschen von Sun Tzu, dem großen Kriegerphilosoph im antiken China, bis George Washington, General der Kontinentalarmee der amerikanischen Rebellion und später Präsident der seitdem souveränen USA, haben diesen Spagat geschafft, gebildete Menschen die ihr Leben auch außerhalb des militärischen soweit bekannt gelebt haben, obgleich sie große Kriege erlebt haben.
Andere im 2. Weltkrieg haben furchtbarste Dinge gesehen und später Firmen aufgebaut, große mediale Werke geschaffen, wie Gene Roddenberry, der als Kampfpilot im 2. Weltkrieg über Deutschland unterwegs war, oder Elvis Presley, der am Boden gekämpft hat.
Andere haben ihre Schiffe auf denen sie Dienst taten verloren und sind als Schiffbrüchige im Meer getrieben, wieder andere Konzentrationslager befreit und dabei das pure Grauen sehen müssen, viele von ihnen haben ihr Leben gelebt, wenige sind später als Wracks geendet, erst Vietnam und spätere Konflikte, so scheint es, kam das Problem mit dem Streßsyndrom auf.

Welches Element ist seitdem weggefallen in der amerikanischen Kultur? Machen wir deutschen wirklich etwas besser, oder kümmert man sich nur besser um die betroffenen und redet daher weniger drüber?

Ich gebe zu, ich stelle in diesem Artikel viele Fragen, die Antworten darauf wären wohl interessant, aber wie lauten sie?

Einen Deutungsversuch will ich unternehmen, zugleich aber auch zur Diskussion stellen.
Im alten Germanien war jeder Mann, egal ob Bauer oder Handwerker, einigen vorallem römischen Quellen Glaube schenkend, ausgebildet. Die Fähigkeit, zu kämpfen, sein Heim, seine Familie handfest zu verteidigen gehörte zur Erziehung dazu, per Definition war jedermann ein Krieger, außer er war noch zu jung, oder  verkrüppelt oder alt und nicht mehr in der Lage zu kämpfen.
Auch wenn die Römer als Todfeinde der Germanen einen zweifelhaften Ruf als Quelle geniessen müssen, so war es doch immer wieder in verschiedensten Kulturen mit starker Kriegerpägung von Sparta, über die japanischen Samurai und die mittelalterlichen Ritter bis zum preußischen Soldatenkönig Friedrich so, dass das Bild des Kriegers ein Ideal darstellte, das immer wieder bis in die kulturelle Identität des Volkes hineinreichte. In späteren Zeiten trat dies immer weiter zurück, erlebte allerdings in der preußischen Kultur, die uns noch heute ein bisschen nachhängt eine Renaissance.

Gekoppelt mit dem Status des Kriegers waren aber nicht nur sportliche Fitness und Waffenausbildung, sondern eben auch gesellschaftliche Werte, Loyalität, Ehre, Treue, Mut und Selbstbewusstsein.
Ein Krieger, das war jemand, der seinen Platz in der Gesellschaft kennt, der weiß was richtig und angemessen ist, jemand der respektiert wurde, aber auch der sich respektabel zu verhalten hatte, dem man trauen und vertrauen konnte. Zumindest im Allgemeinen, noch heute hat der Begriff der Ritterlichkeit einen positiven klang.
Ritterlich ist, wer sich entsprechend dieser alten Werte verhält, wer die Schwachen schützt, sich für andere Einsetzt, Gerecht ist auch wenn es seinen persönlichen Interessen vielleicht nicht entspricht.

Dies führt zu einem Ansatz, was ist ein Krieger, was ist Heute ein Krieger?
Ich denke, der Begriff des Kriegers ist ein alter Begriff, er aber sehr wohl eine moderne Bedeutung hat, die jedoch weniger mit dem Wortursprung Krieg zu tun hat, als mit dem dahinterstehenden kulturellen Kontext, eben so wenig wie ein Wahlkämpfer seinen politischen Gegner verprügelt, muss ein Krieger in den Krieg ziehen, wichtig ist vielmehr, das er nach den Werten des Kriegertums, etwas moderner, den Werten der Ritter lebt, loyal ist, ehrlich, konsequent und selbstbewusst, dass er sich seine Aufgaben mutig entgegenstellt und nicht zurückschreckt wenn es schwierig wird, dass er für andere da ist und sich nicht aus Eigennutz zurückzieht.
Darüber hinaus denke ich, das die Fähigkeit, Stress und Chaos das über alles was man sich vorher vorgestellt hat hinausgeht auszuhalten direkt davon abhängig ist, in wieweit man sich bewusst ist, welche Bedeutung man im Gesamtgesellschaftlichen Kontext hat, das das eigene Handeln richtig ist und mit den eigenen Werten im Einklang.
Wer als Soldat in den Krieg zieht weil „die da oben“ es so beschlossen haben und keinen Plan hat, warum ihm die Granaten um die Ohren fliegen, wird eher als mentales Wrack zurückkehren, als jemand der sagt: „Dieser Diktator hat es definitiv vergeigt, der muss gestoppt werden zum Wohle aller Menschen“ und weiß, dass er Teil einer Truppe ist, die die gesellschaftliche Rückendeckung, die Ausbildung und die Ausrüstung hat, um es zu schaffen.
Ebenso wie der Soldat eines Regimes, der aus tiefster Überzeugung glaubt, seine Regierung hat das Recht zu tun was sie tut und er tut seinen Teil, ihr dieses Recht zu verteidigen. Eine Wertung auf welcher Seite man steht, sollte an dieser Stelle nicht stattfinden, eine innere Überzeugung die eigene Seite ist die Richtige, ist hier der relevante Punkt. „Für Gott, König und Vaterland“ hieß das in früheren Zeiten. Dieses Element ist es denke ich, das maßgeblich, wenn auch sicherlich nicht ausschließlich, einen Krieger von einem Soldaten der ggf. unter Zwang oder aus Perspektivlosigkeit dem Militär beigetreten ist unterscheidet und zugleich auch Feuerwehrleute, Polizisten, Rettungssanitäter, oder auch Zivilisten die sich bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit engagieren, ja eventuell sogar Politikern, so sie aus Überzeugung handeln, ja sogar einer Mutter die um ihr Kind kämpft ein Anrecht gibt, sich als Krieger (für ihre Sache) zu sehen und daraus jede Stärke zu ziehen die sie benötigen.

Mein besonderer Dank für diesen Artikel geht natürlich an Migdalit, die obwohl eine halbe Welt entfernt, mich immer wieder inspiriert, mir Gedanken über Dinge zu machen, die ich andernfalls nie hinterfragen würde.

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2 Gedanken zu “Krieger

  1. Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.
    Ich merke nur gerade wieder, dass ich selbst auch ne kleine Kriegerin bin 😉 Ich kämpfe seit Jahren um Anerkennung oder Respekt, vor allem bei meinen Kindern. Man rennt als nur gegen Windkraftanlagen. Die Kunst dabei ist aber, wieder aufzustehen, sich seine Krone zu richten und weiter zu machen statt zu verzweifeln. Und das lerne ich Schritt für Schritt ein kleines Stück(chen mehr)

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    • Hihi ja, man wächst halt an seinen Herausforderungen, vorausgesetzt man hat den unabänderlichen Willen, sich zu verbessern und niemals aufzugeben, sowie den Glauben an sich selbst und die eigene Kraft, sicherlich auch Elemente die Wichtig sind.
      Btw, die armen Windkraftanlagen, die sind genauso unschuldig wie die Windmühlen früherer Zeiten 😀

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