Bergpark Kassel Willhelmshöhe

(C) Stadt Kassel  Foto: Kassel Marketing GmbH

© Stadt Kassel Foto: Kassel Marketing GmbH

Einige Zeit ist es nun schon her, da hat die UNESCO den Bergpark Wilhelmshöhe und den Herkules, seit jeher thront er als Wahrzeichen über der Stadt und ist im gesamten Landkreis und darüber hinaus am Horizont zu sehen, zum Weltkulturerbe erklärt.

Weltkulturerbe, weltweit einmalig und einzigartig, in einer Liga mit dem Eiffelturm in Paris, große Begriffe, doch was bedeuten sie eigentlich, was bedeuten sie für uns, Menschen die wir im Schatten des Herkules aufgewachsen sind.

Haben wir den Blick verloren für seine Bedeutsamkeit? Ihn nie richtig verstanden? Nur als Identifikationsfigur benutzt ohne ihn wirklich zu sehen? Müssen wir jetzt mit anderen Augen auf ihn sehen? Wo er jetzt gleichsam adlig gesprochen wurde?

Ich denke, es gibt mehrere Wahrheiten.

Natürlich haben wir, die wir um den Herkules herum aufgewachsen sind einen anderen Blick auf ihn als Menschen aus anderen Teilen der Welt.

Vor einigen Jahren war ich einige Tage in Berlin, natürlich wollte ich die Reste der Mauer, das Brandenburger Tor und den Reichstag mal aus der Nähe sehen, da ich sie nur aus dem TV kannte, meine bekannte stimmte gelangweilt zu was Brandenburger Tor und Reichstag betraf, bei der Mauer hatte sie aber sichtlich Probleme. Nach kurzem Gespräch und einigen Andeutungen über Familiengeschichte, ich erfuhr später die ganze Geschichte und sie gehört nicht in meinen Blog, sondern wenn sie einen hätte in ihren, stimmte ich zu, die Reste der Mauer wegzulassen.

Sie hatte einen völlig anderen Blick darauf wie ich, allerdings einige Tage später, 2 Tage vor meiner Abreise, überraschte sie mich indem sie mich unwissentlich quasi „gegen die Mauer laufen“ lies, sie verriet mir nicht, das sie mir die Reste der Berliner Mauer doch zeigen wollte, gab vor einen Abzweig verpasst zu haben und die richtige Straß zu suchen, nur auf Straßenschilder achtend und von ihr auch darüber hinaus abgelenkt, stand ich ohne Vorwarnung, vor einem Rest der Berliner Mauer …

In ihrer Größe und Massivität stand sie da und erlaubte nichtmal einen Blick darüber, die weite die schier unergründliche Größe der riesen Stadt Berlin kam quasi spontan zu einem Endpunkt, hier war Schluss, hier ging es nicht weiter. Absolut und unmissverständlich.

Sie hat mir dann die Geschichte ihrer Familie erzählt und dieses mal vollständig, ohne Zusammenfassung, so wie sie diese zu jenem Zeitpunkt kannte, was im Angesicht der Mauer eine besondere Brisanz erhielt, in diesem Moment war die Mauer für mich nicht nur ein Stück Geschichte zum Anfassen, sondern eine DROHUNG, eine Gefahr, Symbol eines Staates der seine Bürger einsperrte und entrechtete, beklemmend und groß.

Gleichsam wie der Verlauf der Geschichte, waren wir derweil weitergegangen und erreichten eine Stelle an der dieser Abschnitt der Mauer endete, auf der anderen Seite war ein kleiner Platz, mit Straßencafes und in diesem Moment wirkten diese Cafes auf mich wie eine Verheißung neuer Freiheit.

Meine Bekannte hatte mir nicht das Bauwerk gezeigt, sondern die wahre Berliner Mauer, dafür kann ich ihr nur danken.

(C) Stadt Kassel Foto: digitalfoto-welt.de

© Stadt Kassel Foto: digitalfoto-welt.de

Umso mehr stellt sich aber die Frage, was ist der wahre Herkules, der wahre Bergpark.

Was ist die Realität hinter all den wahren Fakten, das  für uns gewöhnlich geworden ist, für andere aber erstaunlich ist, das weltweit einmalig, ja einzigartig ist? All das sind Fakten, alle sind wahr, aber was ist die Realität? Eine reine Aufzählung der Fakten kann diese nicht erschließen.

Wenn man ihn nur im Fernsehen sieht und aus großer Ferne, wirkt er nicht überwältigend groß, jener nackte Mann auf dem Berg.

Aus grösserer Ferne, eine ganzen Landkreis entfernt, in dem kleinen Ort in dem ich aufgewachsen bin, ist er allerdings immer noch, bei klarem Wetter, als auffällig spitze dünne Nadel am Horizont zu sehen.

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Als Kinder versuchten wir mit Vaters Fernglas ihn ins Bild zu bekommen und eine Einstellung zu finden, mit der man mehr erkennen konnte, irgendwann machte die Familie mal einen Sonntagsausflug und wir stiegen bis oben hinauf, soweit in ihn hinein wie es möglich war und suchten unser Haus, was aufgrund seiner geringen Größe schlicht unmöglich war.
Selbst mit einem Fernglas unseres Vaters vermochten wir es nicht zu finden, was uns als Kinder ein Rätsel war, von Physik verstanden wir damals noch nicht genug.

Seine Größe allein machen Herkules und Bergpark aber noch nicht einzigartig, barocke Parks gibt es in Kassel mehrere, in Hessen viele und in Europa unzählige, manche davon grösser manche prächtiger und manche beides. So glauben zumindest wir, die wir hier aufgewachsen sind, zu wissen.

Der Herkules ist aber nur ein Teil, des Bergparks der auf den Hang der Wilhelmshöhe, gleichsam in die Natur hinein angelegt ist und nicht durch Mauern, Zäune oder Tore begrenzt ist, sondern in die Natur übergeht, ist ein zweites Argument, weitere Argumente sind die Löwenburg, Teufelsbrücke und viele andere schön Orte in diesem Bergpark, sowie nicht zuletzt, aber quasi als Abschluss die Wasserspiele mit ihrer 300 Jahre alten Technik, die ohne eine einzige Pumpe auskommt, ohne das Brunnen gegraben wurden, ohne das Leitungen vom Tal herauf gelegt wurden.

Diese Ingenieurs-technische Meisterleistung ihrer Zeit, zusammen mit der Schönheit des Parks und der alles dominierenden Großplastik des Herkules, stellt ein Ensemble dar, das laut UNESCO einzigartig und einmalig in der Welt ist.

Letztlich bleibt wohl nur, ihn mal erlebt zu haben, ganz bewusst, aus der Ferne ebenso wie aus der nähe, letztendlich erschließt ein solches Landschaftskunstwerk sich wohl nur dem der dafür bereit ist und dann auf ganz individuelle Art und Weise.

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Gleichzeitig mögen wir die wir in seinem Schatten leben, aber den Blick ab und an auch mal wieder heben und ihn wahrnehmen, unser Erbe, unseren „nackten Mann“ und so gemahnt er uns auch, den Blick zu heben, zu wissen wer wir sind, was wir können und das beste aus dem zu machen was wir haben.

Der Blick, das gilt wohl nicht nur für uns, sondern gleichsam für alle Menschen, gehört zum Horizont und darüber hinaus, nicht auf den Boden.

Danken möchte ich am Ende dieses Artikels der Pressestelle der Stadt Kassel, die mir freundlicherweise die Verwendung dieser Bilder in meinem Blog genehmigt hat.

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4 Gedanken zu “Bergpark Kassel Willhelmshöhe

  1. Es liegt im Wesen des Menschen sich mit seiner Landschaft zu identifizieren – mit den natürlichen und künstlichen Stellen wobei oft genug die beiden über die Jahrhunderte untrennbar geworden sind.
    Such dir einen beliebigen auffälligen Felsen irgendwo in Mitteleuropa; ein Naturdenkmal das man von Tagesritten entfernt schon sieht und ich garantiere dir regelrecht du findest archäologische Belege für Jahrhunderte, ja Jahrtausende lange Verwendung als Kultort. Quer durch die Kulturen die aufgestiegen und gefallen sind und quer durch die Religionen. Geschichten, Sagen und Erinnerungen.

    Das wirklich Traurige ist dass im Zeitalter von Fernsehen und Computerspielen immer mehr dieser Orte und ihre Geschichten vergessen werden und wohl in der nächsten Generation nicht mehr von Eltern mit ihren staunenden Kindern besucht werden …

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    • Hmm,

      Ob die Geschichten verloren gegangen sind, ich weiß es nicht, aber manchmal werden sie wiederentdeckt, ich hab als jugendlicher selbst mal sowas erlebt.
      Du hast aber in einem Punkt recht, wir hier in Europa leben in einer Gegend der Welt die voll mit alten Geschichten ist, wir müssen nur bereit sein, die Augen zu öffnen und den Blick zu heben, anstatt immer nur auf die selben alltäglichen Pfade zu blicken.

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  2. Also ich bin gebürtig zwar nicht aus Kassel und habe auch etwa 18 Jahre “nur” im Landkreis gewohnt, aber ich mag gerade den Bergpark mit am liebsten. Ich kann dort immer richtig gut vom Alltag entspannen und ich hoffe auch, dass später meine Kinder, Enkel und deren Kinder die Orte, die ich in meiner Kinder- und Jugendzeit bewundern durfte, dann in der Zukunft auch noch bewundern und geniessen dürfen.

    Der Bergpark war mit Sicherheit auch mit ein Grund, das Willhemshöhe schon vor Jahren zum Kurbezirk ernannt wurde und sich Bad Willhelmshöhe nennen darf.
    Es ist wirklich deshalb wirklich schade, dass unsere mitmenschen so schöne Orte oft vergessen, und erst aufmerksam drauf werden, wenn die Stätte durch etwas Berühmtheit erlangt.

    Soll keine Kritik sein, aber ich finde es komisch. Hoffe aber dass noch ganz viele den Park schätzen lernen .

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    • Ja, da hast Du Recht, viele Menschen nehmen das gewohnte garnichtmehr richtig wahr, bis sich etwas verändert, meist das es nichtmehr da ist und dann ist die Empörung oft Groß.
      Freuen wir uns also, das die Veränderung diesesmal eine hochrangige Anerkennung und kein Verlust ist.

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